KORA

LUNO 2001-2009

Nach einer positiven Stellungnahme der Kantonsregierung stimmte das St. Galler Parlament im November 2000 dem Postulat Trionfini zur Wiederansiedelung des Luchses im Kanton St. Gallen zu. Darauf starteten der Bund (BUWAL) und die fünf Kantone Zürich, St. Gallen, Thurgau, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden das Projekt Luchsumsiedlung Nordostschweiz LUNO. Die Luchse kamen aus den Nordwestalpen und dem Jura.

KORA übernahm die Luchsfänge, die Umsiedlungen und die Beobachtung der Luchse nach ihrer Freilassung in der Nordostschweiz. Die erste Projektphase mit ihrer intensiven Überwachung der umgesiedelten Luchse wurde in zwei Berichten dargestellt: Ryser et al. 2004 (KORA Bericht Nr. 22) und Robin & Nigg 2005 (Luchsumsiedlung Nordostschweiz LUNO. Bericht über die Periode 2001 bis 2003. Schriftenreihe Umwelt Nr. 377. Bundesamt für Umwelt).

Die Überwachung der kleinen Luchspopulation in der Nordostschweiz wurde 2009 in das gesamtschweizerische Luchsmonitoring überführt. Dabei werden Zufallsbeobachtungen und opportunistisch erhobene Fotofallenbilder gesammelt und ausgewertet. Alle drei Jahre führen wir eine systematische Erhebung mittels Fotofallen durch.

LUNO - Luchsumsiedlung Nordostschweiz 2001-2009

Freilassung von Wero © Andreas Ryser

Fänge und Freilassungen

Zwischen 2001 und 2008 wurden 7 Luchse aus den Nordwestalpen und 5 aus dem Jura in die Nordostschweiz umgesiedelt. Die Tiere haben wir mittels Kastenfallen auf einem Wechsel oder mit Schlingenfallen oder einem ferngesteuerten Blasrohr an gerissenen Beutetieren gefangen. Alle Tiere wurden nach dem Fang in eine Quarantänestation gebracht. Mitarbeiter des Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin betreuten die Luchse während der Quarantäne. Vor der Freilassung wurden sie noch einmal veterinärmedizinisch untersucht und mit einem Senderhalsband versehen, um sie im LUNO Gebiet überwachen zu können.

Wohngebiete und Wanderungen

Lage der Luchs Wohngebiete in der Nordostschweiz wenige Monate nach den Freilassungen. Rot Weibchen, Blau Männchen. © KORA

Die umgesiedelten Tiere fanden sich innerhalb weniger Monate zu einer Gruppe von Nachbarn zusammen, wie es dem Raummuster einer Luchspopulation entspricht. Ein Weibchen querte jedoch die Lindtebene südwestwärts und liess sich in den Kantonen Glarus und Schwyz (Kompartiment IV) nieder, ein Männchen schloss sich erst nach über einem Jahr Wanderschaft der Luchspopulation im Kompartiment II an. Dabei drang es bis in die Stadt Zürich vor und hielt sich während vier Monaten auf dem Zürichberg in unmittelbarer Nähe zur Stadt auf. Die durchschnittliche Reviergrösse der Weibchen betrug 100 km², diejenigen der Männchen 172 km².

Beutetiere

Ein vom Luchs gerissener Feldhase im Toggenburg SG. Zum Verzehr eines Hasen benötigt ein Luchs in der Regel zwei Nächte. © Andreas Ryser

Während der Überwachungsphase der Luchse, welche in den ersten drei Jahren besonders intensiv war, konnten wir mit Hilfe der Radiotelemetrie 206 Beutetiere dokumentieren: 150 Rehe (73 %) und 45 Gemsen (22 %). Gelegentlich erbeutete Tierarten waren Fuchs (4), Feldhase (5) und Murmeltier (2). Zufällig von Dritten gefundene und durch uns oder die Wildhut bestätigte Luchsrisse betrafen 127 Rehe, 17 Gemsen, je einen Feldhasen und Fuchs, sowie ein Murmeltier und zwei Hausziegen. Elf Kaninchen und 2 Meerschweinchen gingen auf das Konto von zwei verwaisten Jungluchsen, welche sich vor dem Hungertod durch das Reissen von leichter Beute in Menschennähe retten wollten. Mindestens eines dieser Jungen, B168, überlebte den Winter, wurde aber im folgenden Frühjahr überfahren.

Reproduktion

Nura mit ihren beiden Jungen ob Amden SG 2005. © Andreas Ryser

Zwischen der ersten Reproduktion im Umsiedlungsgebiet 2002 und dem Ende der systematischen Fotofallenüberwachung im Winter 2011/2012 beobachteten wir 16 Würfe mit mindestens 31 Jungen. Von diesen im Kompartiment II geborenen Jungtieren lebten Ende April 2012 noch 11 Tiere (davon 4 Junge noch bei ihren Müttern). Von zwanzig in der Nordostschweiz geborenen Luchsen fehlen uns Hinweise. Mindestens ein subadulter Luchs (B132) verliess auf dem Dispersal das Kompartiment und liess sich 200 km weiter südlich im italienischen Parco Naturale Adamello Brenta nieder, ein Jungluchs von Noia, der 2008 bei Landquart im Kanton Graubünden überfahren wurde, hatte das Kompartiment ebenfalls verlassen. Drei im KII geborene Weibchen und zwei Männchen haben sich bereits wieder fortgepflanzt. Von den 12 aus den Nordwestalpen und dem Jura umgesiedelten Luchsen haben mit Sicherheit vier Weibchen Junge gehabt (von drei Männchen). Ein subadultes Luchsmännchen wanderte 2011/2012 aus dem Kompartiment 1 (Jura) über den Kanton Thurgau entlang des westlichen Ufers des Bodensees in das Rheintal und damit in die Luchspopulation. Ob es sich auch genetisch einbringen kann, steht zur Zeit noch offen.

Schicksal der umgesiedelten Luchse

Luchsweibchen Alma im Februar 2012. © KORA

Von den 12 umgesiedelten Luchsen kennen wir von vier Tieren das Schicksal. Anfangs 2012 lebte mit Sicherheit Alma und möglicherweise auch Noia noch in der Nordostschweiz. Vino starb 2003, Ayla wurde 2004 überfahren und Wero wurde 2010 tot gefunden. Die anderen sieben Luchse sind verschollen ohne Hinweis auf ihren Verbleib. Aura, Baya, Roco und Odin liessen sich nach dem Ausfall der Sender nie mehr nachweisen, während Turo, Nura und Aika auch nach dem Verlust des Senders noch drei, vier und sechs Jahre mit Fotofallen fotografiert wurden.

Beurteilung der Umsiedlung

Jungluchs fotografiert im Februar 2012. Es handelt sich um ein "Grosskind" des aus dem Jura umgesiedelten Weibchens Alma. © KORA

Die Tatsache, dass wir während des Fotofallen-Monitoring 2012, 12 Jahre nach Projektbeginn, 10 selbstständige Luchse und vier Jungtiere von zwei Weibchen nachweisen konnten, stimmt optimistisch. Die Population in der Nordostschweiz ist allerdings nach wie vor klein, und einzelne zufällige Ereignisse können starke Auswirkungen auf die Entwicklung der Population haben. Die längerfristigen Aussichten der Population in der Nordostschweiz hängen damit auch von den Entwicklungen in den benachbarten Regionen ab. Die Beobachtung eines jungen Luchsmännchens, welches aus dem bernischen Jura bis in die Nordostschweiz gewandert ist, sowie mindestens von zwei jungen Luchsen welche im Kanton Graubünden auftauchten, illustriert diese Abhängigkeit und zeigt, dass Kompartimentsgrenzen im Einzelfall in beide Richtungen durchlässig sein können.

Das Projekt LUNO sollte deshalb auch vor einem grossräumigeren, internationalen Hintergrund betrachtet werden. In den letzten zehn Jahren konnte der Luchs im Alpenraum nur in der Nordostschweiz sein Gebiet nennenswert erweitern. Das LUNO Vorkommen kann einen Trittstein Richtung Ostalpen bilden, allerdings stehen Hinweise auf eine Abwanderung in diese Richtung noch aus.
Obwohl das Projekt LUNO als Wiederansiedlung ein bescheidenes Projekt mit nur wenigen Tieren ist, gilt es als Management- und Artenschutzprojekt unter Berücksichtigung der Luchssituation in der Schweiz und in den Alpen als wertvoll. So dürften wiederholte kleine und kleinräumige Neuansiedlungen für die Zukunft des Luchses im Alpenraum entscheidend sein.